Prof. Dr. Günter Bergmann (1910-98)

                                                                    

                                                                                                             

Vita
(Fotogalerie am Ende des Textes)

Der 1910 geborene Komponist beendete seine Mathematik-Studien 1936 mit der Promotion zum Dr. phil. in Bonn und 1938 mit einer zweiten Doktorarbeit zum Dr. rer. nat. habil. in Hamburg. Wegen ideologischer Differenzen zum NS-Regime verweigerten ihm die Nazis trotz hervorragender Qualifikation die Universitätslaufbahn. An der "Deutschen Seewarte" in Hamburg fand er eine Beschäftigung als Akkordarbeiter, wo er bei fleißiger Kopfarbeit 90 Pfennig pro Stunde erzielen konnte.

Die beklemmende Stimmung vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bildet die Grundlage seines damals skizzierten und Ende der 50er Jahre vollendeten und publizierten Klavierzyklus "Stationen, Musikalisches Tagebuch 1936-39", der seine psychischen Reaktionen auf die politischen Ereignisse der damaligen Zeit zum Ausdruck bringt. Aus Gründen der Tarnung wählte  er die unverfängliche, unzensierbare Sprache der nicht wortgebundenen autonomen Musik. 

Während des Zweiten Weltkriegs (1939-1945) wurde er an den Fronten in Polen, Russland und Frankreich eingesetzt. Die chaotischen, der Kapitulation folgenden Hungerjahre überlebte er in Hamburg, wo er als Wissenschaftlicher Assistent am Mathematischen Seminar der Universität Arbeit fand.

1948, drei Jahre nach Kriegsende, erfolgte der Wechsel an das Mathematische Seminar der Universität Münster. Zusätzlich zu seiner dortigen Assistententätigkeit bereitete er sich - nunmehr im Alter von über 40 Jahren - auf das 1. Staatsexamen vor. Nach der Referendarzeit und dem 2. Staatsexamen unterrichtete er als Studienassessor bzw. Studienrat die Fächer Mathematik und Biologie am Wilhelm-Hittorf-Gymnasium in Münster. Währenddessen setzte er seine wissenschaftlichen Forschungsarbeiten fort und wurde durch ein gerichtliches Urteil auf Grund des ihm unter dem Nationalsozialismus zugefügten Unrechts zum Professor der Mathematik an den Universitäten Dortmund und Münster ernannt. 

Am Abend einer Konzertaufführung seiner Orgelkomposition "Harmonice Mundi Iovis - Die Jupitermonde Io, Europa, Ganymed und Kallisto auf ihrer Bahn " im Hohen Dom zu Münster am 17. Mai 1998 verstarb der Komponist.

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"Ein Universalgelehrter im besten  Sinne des ehrwürdigen Wortes" so beschreibt die Presse den humanistisch gebildeten Universitätsprofessor der Mathematik. Unermüdliche Schaffensfreude kennzeichnet sein Leben:

Aus Kriegstrümmern barg er in Bonn einen äußerst kostbaren Fund: den durcheinander gewirbelten, unveröffentlichten  Nachlass seines weltbekannten jüdischen Universitätslehrers, des Mathematikers Prof. Dr. Felix Hausdorff. Er säuberte, ordnete und bearbeitete ihn in jahrelanger, mühevoller Kleinarbeit, um ihn schließlich in zwei wuchtigen, jeweils über 500 Seiten starken Bänden zu publizieren. "...Seien Sie versichert, dass die Verdienste Ihres Gatten - seine Spuren in der Mathematikgeschichte - uns Nachfolgenden ein Vermächtnis sind!" (aus einem Kondolenzbrief).

      

Mit dem Fund der Orobanche hederae in Münster machte der studierte Biologe eine in Westfalen einmalige botanische Entdeckung. - Ebenfalls in Westfalen, auch in seinem Wohnort Münster, führte er echte Akazien ein, im Volksmund Mimosen genannt, experimentierte, vermehrte, züchtete und veredelte. Die Ergebnisse findet der Liebhaber in dem hübschen, reich bebilderten Buch "Mimosen". (115 Seiten, Verlag Regensberg).

Die Musik aber war sein Herzensanliegen. Bereits während seiner Bonner Studentenzeit hatte er musikwissenschaftliche Studien betrieben. Seine Lehrer dort waren Ludwig Schiedermair und Wilhelm Maler. Nach dem Krieg erweiterte er seine künstlerische Ausbildung bei Rudolf Reuter und Werner Korte in Münster. Sein besonderes Interesse galt der vertiefenden Auseinandersetzung mit dem Kontrapunkt und der Musikästhetik.

Günter Bergmanns kompositorisches Werk steht ein wenig außerhalb der Tradition. Seine Tonalität ist nur vordergründig nachromantisch, ergibt sich vielmehr aus einem mathematischen Verständnis von Harmonie und Kontrapunkt. - „Es ist immer die Orientierung auf die ‚Harmonie’, die der Musik Günter Bergmanns ihren besonderen Reiz gibt. Seine Harmonien erschließen sich dem Hörer nicht auf Anhieb. Aber wer sich die Mühe macht, sich in diese Kompositionen ‚hineinzuhören’ oder ‚einzuleben’, wird reich beschenkt.“ Es ist eine Musik, die auch denjenigen Musikfreund ansprechen kann, dem die aktuelle Neue Musik ein Gräuel ist. Zahlreiche Presserezensionen bestätigen Günter Bergmanns Kompositionskunst.

Leider haben ideologischen Differenzen zum NS-Regime, das Kriegsgeschehen, die chaotische Nachkriegszeit und im Alter eine langjährige, lähmende Erkrankung die Schaffensperiode dieses vielseitig kreativen Menschen begrenzt. Seine eigentlich schöpferische Phase konnte erst in der Lebensmitte beginnen und endete trotz geistiger Hochform krankheitsbedingt viele Jahre vor seinem Tod. Zur Notenniederschrift eines geplanten großen Orchesterwerkes kam es nicht mehr. Wie viel reicher  hätte sein Lebenswerk sein können! 

                                       

                                           Fotogalerie                                                            

                      

           

                                                                                

           

  

                      

                                                            

            

                                                                                                                                                                                                                                                                        

           

                                                                              

            

                                                                               

             

                                                               

     

Günter Bergmann im letzten Lebensjahr   (Foto: Werner Eckhardt)